1. Oktober 2022

Für eine erfolgreiche Landwirtschaft in Deutschland

AGRARDIALOG November.2021

Der AGRARDIALOG bietet folgende Ideen und Ansätze für die Koalitionsverhandlungen an:

#Ernährungssicherung als Staatsziel

Seit 1949 haben mehrere Staatsziele Eingang in das Grundgesetz gefunden, zuletzt in Art. 20a GG der Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen sowie der Tiere. Die Erzeugung hochwertiger, gesunder Lebensmittel zur Ernährungssicherung durch regionale Produktion und Verarbeitung hat diese verfassungsrechtliche Wertschätzung bisher nicht erfahren.

Dabei ist das Recht auf angemessene Ernährung sowohl im UN-Sozialpakt als auch in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte als Menschenrecht verankert. Regionale Produktion und Verarbeitung gewährleistet die Lebensmittelsicherheit durch hohe Standards und ist durch kurze Lieferketten krisensicher und klimaschonend. Denn die Sicherstellung einer ausreichenden Ernährung ist durch die Auswirkungen des Klimawandels genauso gefährdet wie durch kriegerische Auseinandersetzungen, Bodenspekulationen, ideologisch betriebenen Umweltschutz und eine rasant wachsende Weltbevölkerung.

Treffen zwei gleichrangige Verfassungsnormen aufeinander, soll ein möglichst schonender Ausgleich zwischen beiden realisiert werden. Bisher hat jedoch allein der Schutz natürlicher Lebensgrundlagen Verfassungsrang, während die Nutzung dieser Ressourcen zur Sicherung der menschlichen Ernährung diesen Status nicht innehat.

Unsere konkreten Erwartungen:
Damit die staatlichen Organe künftig in die Lage versetzt sind, Belange des Umweltschutzes mit denen der Ernährungssicherung optimal in Einklang zu bringen, ist es erforderlich, die Ernährungssicherung durch regionale Produktion und Verarbeitung in den Rang eines Staatsziels zu erheben.

Zu diesem Zweck könnte Art. 20a GG künftig wie folgt lauten:

„Der Staat schützt auch in Verantwortung für die künftigen Generationen die natürlichen Lebensgrundlagen, die Tiere und die Sicherung der menschlichen Ernährung im Rahmen der verfassungsmäßigen Ordnung durch die Gesetzgebung und nach Maßgabe von Gesetz und Recht durch die vollziehende Gewalt und die Rechtsprechung.“

#Markt Wirtschaftlich nachhaltige Weiterentwicklung unserer Betriebe endlich ermöglichen!

Bäuerinnen und Bauern brauchen dringender denn je einen Aufbruch und Kurswechsel auf der Basis eines marktwirtschaftlichen Wettbewerbs, der für alle Akteure der Wertschöpfungskette funktioniert. Ein politischer Kurswechsel der Agrarmarktpolitik muss eingeläutet und zügig umgesetzt werden. Weg von dem Ziel der Versorgung der Verarbeitungs- und Ernährungsindustrie mit billigen Rohstoffen, hin zu Preisen für unsere Agrarprodukte – die eine wirtschaftlich nachhaltige Weiterentwicklung unserer Betriebe ermöglichen. Dabei spielt die Position Deutschlands im europäischen Staatenbund eine entscheidende Rolle. Agrarpolitik muss mehr sein als hauptsächlich Gelder verteilen, die zukünftige Bundesregierung muss Rahmenbedingungen schaffen für im Sinne des Primärsektors funktionierender Märkte.

Die Agrargelder werden zwar auch weiterhin benötigt, sie dürfen aber nicht nur Ausgleich für Bewirtschaftungsauflagen, sondern müssen mit einem Marktwert verknüpft sein, um konkrete Leistungen für Klima-, Umwelt- und Naturschutz ökonomisch erbringen zu können. Insbesondere auch müssen die Gelder in Regionen, die klimatisch und geologisch benachteiligt sind, gelenkt werden. Ein Irrglaube ist es, allein mit öffentlichen Geldern oder nur mithilfe der Digitalisierung die aktuellen, tiefergreifenden Probleme in der Landwirtschaft tatsächlich lösen zu können.

Die Agrarmärkte sind seit vielen Jahren geprägt von in kurzen Abständen auftretenden Marktkrisensituationen, von denen vor allem der nutztierhaltende Bereich betroffen ist. Die Marktstellung des Primärsektors gegenüber dem Sekundärsektor ist geprägt von einem markanten Marktgefälle zu Ungunsten der Landwirtschaft (beispielhaft für den ganzen Primärsektor siehe Sektoruntersuchung Milch BKartA).

Wiederholte Marktkrisen, veraltete und unzureichende Marktkriseninstrumente, ein nicht (gesamt-) marktangepasstes Lieferverhalten des Primärsektors, immense Wertschöpfungsverluste, hohe Milchpulver- und Butterbestände, riesige Schweinefleischbestände, milliardenschwere Hilfspakete und Interventionskäufe sind deutliche Signale dafür. Die Beziehung zwischen dem Primär- und Sekundärsektors und die politischen Instrumente für die Agrarmärkte zeigen sich seit dem 19. bzw. 20. Jahrhundert weitgehend unverändert, während sich die Agrarmärkte und die Unternehmensstruktur vieler Akteure gravierend verändert haben. Das hat Folgen, die zu deutlichen Fehlstellungen führen. Das Bundeskartellamt hat dies beispielgebend für den Milchbereich bereits in seinem sehr deutlichen Endbericht der Sektoruntersuchung Milch 2012 festgestellt und 2017 in seinem Sachstandspapier zum Verwaltungsverfahren zu Milch- Lieferbedingungen erneut bestätigt: Erhebliche Einschränkungen des Wettbewerbs auf den regionalen Märkten für die Beschaffung von Rohmilch wurden ebenso festgestellt wie ein Marktmacht-Gefälle zu Ungunsten der Milchviehhalter.

Zitate aus dem Zwischenbericht zur Sektoruntersuchung Milch des Bundeskartellamts:

„Im Verhältnis zwischen Molkereien und Erzeugern hat die Beschlussabteilung trotz der ‘vertikalen’ Integration vieler Erzeuger in genossenschaftliche Molkereien ein Machtgefälle zu Lasten der Erzeuger festgestellt. Auch größere Genossenschaften werden nach Auffassung der Prüfer von den Erzeugern nicht mehr als ‘eigene’ Molkerei wahrgenommen und verhalten sich de facto am Markt auch nicht mehr so.“

„Grundsätzlich haben weder private noch genossenschaftlich organisierte Molkereien einen Anreiz, im Interesse der Milcherzeuger einen möglichst hohen Milchauszahlungspreis zu zahlen. (..) Die Gewinnmaximierungsstrategie eines jeden weiterverarbeitenden Unternehmens ist darauf gerichtet, die Beschaffungskosten möglichst gering zu halten.“

Der Agrarsektor muss sich daher neu aufstellen können, um die Herausforderungen der Zukunft angehen zu können.

Unsere konkreten Erwartungen:
Erweiterung des Sicherheitsnetzes für EU-Agrarmärkte umsetzen!
Die vom EU-Parlament am 23.10.2020 beschlossene und im Verlauf der Trilog-Verhandlungen von Rat und Kommission mitgetragene Erweiterung des Sicherheitsnetzes für Agrarmärkte muss zügig umgesetzt werden.
Maßnahmen wie das Angebot von Programmen zur zeitlich befristeten Mengenreduktion in Verbindung mit einer ebenfalls zeitlich befristeten Deckelung der Anlieferungsmengen sind zur schnelleren Wiedererreichung eines Marktgleichgewichts unabdingbar. Situationen wie aktuell im Schweinefleischbereich mit Lagerbeständen in Höhe von rund 260.000 Tonnen führen zu einem immensen Verlust an Wertschöpfung für die tierhaltenden Betriebe. Beispielgebende Instrumente für eine zukunftsorientierte Ausgestaltung des Sicherheitsnetzes für Agrarmärkte finden sich im BDM-Milchmarkt-Krisenmanagement-Konzept mit einer gestaffelten, marktangepassten Vorgehensweise.
Umgesetzt und abgewickelt werden könnten diese Instrumente eventuell über eine Branchenorganisation der EU-Milchviehhalter bzw. auf nationaler Ebene über die Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE). Eine Branchenorganisation der EU-Milchviehhalter müsste dafür mit besonderen Befugnissen für definierte Ausnahmesituationen (wie eine Krise) ausgestattet werden, die über den bisher bestehenden Katalog an zulässigen Aufgaben einer Branche hinausgehen.

„Die Art und Weise der Preisbildung bei genossenschaftlichen Molkereien („upside down“) führt dazu, dass die Molkereien kein originäres Eigeninteresse an der Erzielung hoher Preise für ihre Molkereiprodukte haben, weil sie als Molkerei nur ein begrenztes wirtschaftliches Risiko tragen.“

Das Bundeskartellamt zog daraus die Schlussfolgerung, dass insgesamt die Preisfindung für die Milcherzeuger derzeit nicht in einem funktionsfähigen Wettbewerbs- und Marktumfeld erfolgt.

Ein entsprechendes Markt-Krisen-Management-Konzept (MKM) zielt auf eine Modernisierung und Erweiterung des EU-Sicherheitsnetzes für den Agrar-/Milchmarkt ab. Wenn alle anderen Maßnahmen wie z.B. die vertragliche Gestaltung der Lieferbeziehungen nicht ausreichend Wirkung zeigen, soll es Anwendung finden. Gleichzeitig ist das MKM eine Art Grund-Absicherung dafür, dass verbindliche Verträge zwischen den Vertragspartnern des Primärsektors und dem Sekundärsektor nicht zu unwirtschaftlichen Bedingungen abgeschlossen werden müssen.

Ein MKM widerspricht nicht der marktorientierten Ausrichtung der Agrarpolitik. Es kommt nur befristet in Marktkrisenphasen zum Einsatz und ist keinesfalls die Wiedereinführung einer dauerhaften Mengenregulierung. Dementsprechend gibt es auch keine Lieferrechte o.Ä., die verwaltet werden müssten und bei den Landwirten Kosten verursachen würden.

Auch im Marktkrisenfall ist die unternehmerische Entscheidungsfreiheit nicht gefährdet, denn der Einzelne kann frei entscheiden, wie er sich verhalten will. Letztlich ist es eine Kosten-Nutzen- Rechnung. Das ist im so genannten freien Markt aber bei jeder betriebswirtschaftlichen Handlung der Fall.

Die Agrarprodukte verarbeitende Industrie verliert dadurch keine Marktanteile, da alle bestehenden Verträge unproblematisch weiter erfüllt werden können. Reduziert werden lediglich die vagabundierenden Mengen, für die keine Abnehmer zu finden sind und die den ganzen Markt schwer unter Druck setzen.

Verbindliche Vertragsvereinbarungen vorgeben

Die in Artikel 148, VO 1308/2013 GMO geschaffene Möglichkeit, den Vertragspartnern des Primär- und Sekundärsektors eine verbindliche Vorgabe zum Abschluss von Verträgen vor der Ablieferung von Rohmilch und Fleisch, unabhängig von den Unternehmensformen, vorzugeben, muss nun zügig in nationales Recht umgesetzt werden.

Konkrete Vereinbarungen über Preise, Mengen und Qualitäten sind unerlässlich, um eine entsprechende wirtschaftliche Planungssicherheit zu ermöglichen und die derzeitige Marktsituation, in der sämtliche Marktrisiken allein auf die Erzeuger abgewälzt werden, zu Gunsten der Erzeuger zu verändern. Gegebenenfalls sind im Rahmen der Einführung einer

Vertragspflicht auch die unionsrechtlichen Regelungen zu präzisieren, um sicherzustellen, dass feste Preise und feste Mengen in allen Lieferbeziehungen etabliert werden können und ein Verweis auf Vergleichspreise oder für Erzeuger nachteilige Preisberechnungsklauseln unterlassen werden. Die regelmäßige Auswertung repräsentativer Betriebsdaten (Milch-Marker-Index) zeigt, dass die Milchauszahlungspreise (auch im Bio-Bereich) die Erzeugungskosten nicht decken.

Gewinnbringende Erzeugerpreise sind aber die Voraussetzung für die Umsetzung von Innovationen auf den Betrieben, die es der Gesellschaft ermöglichen insbesondere die angestrebten Klimaziele und Tierwohlstandards zu erreichen. Nur die landwirtschaftlichen Betriebe können diese Innovationen umsetzen, jedoch nicht zum Nulltarif und nicht in einem System, das die Erzeuger und ihre Betriebe einerseits und die natürlichen Ressourcen andererseits bewusst über die Leistungsgrenze hinweg ausnutzt, um – losgelöst vom tatsächlichen Bedarf – möglichst billig möglichst viel zu erzeugen.

Marktmanagementsysteme durch Primärsektor ermöglichen

Die Relation von Angebot und Nachfrage ist ein sehr wichtiger Faktor der Marktwirtschaft. Im Agrarsektor steht trotz eines sehr stark vorangeschrittenen Strukturwandels immer noch eine Vielzahl von Höfen einer stark reduzierten Zahl von Verarbeitungsunternehmen gegenüber. Zukünftig bedarf es der Schaffung einer Möglichkeit für den Primärsektor, sich mittels anerkannter Branchenorganisationen um die Organisation der Agrarmärkte kümmern zu können. Dazu ist die Vorgabe gem. Artikel 157 GMO zu ändern, dernach die Anerkennung einer Branchenorganisation nur möglich ist, wenn mindestens zwei Akteure der Wertschöpfungskette zusammenwirken. Der Primärsektor der Landwirtschaft ist als eigenständige Branche anzuerkennen. Einhergehend damit muss ein wirkungsvolles Marktmanagement durch eine anerkannte Branchenorganisation ermöglicht werden. Primär- und Sekundärsektor verfolgen nicht die gleichen Interessen.Ein Beispiel: wenn die Rohmilchbeschaffung rund 60% der Kosten einer Molkerei ausmacht, liegt es auf der Hand, dass dies in Gegensatz zum Interesse der Bäuerinnen und Bauern einer möglichst hohen Wertschöpfung für ihr Produkt steht.

Mögliche Aufgabenstellungen einer Branchenorganisation des Primärsektors könnten sein :

o Handlungsinstrument für die Marktbeobachtungsstelle der EU-Kommission o Marktinformationsquelle Landwirtschaft, Politik etc.
o Festlegung zu verwendender Marktparameter/Handelsplätze etc.
o Festlegung/Ableitung von Markt-Handlungs-Schritten über Algorithmen

o Mengenanpassung in Krisenphasen
o Einlagerung/Auslagerung, Übernahme der Lagerhaltung + Logistik o Finanzverwaltung
o EU-Krisenfonds
o Einhebung/Abrechnung Marktverantwortungsabgabe (MVA)
o Umlageverwaltung
o Verwaltung Ausgleichsleistungen
o Kontrollorgan
o Sanktionsorgan

Entwicklung zukunftsfähiger Vermarktungssysteme für eine wirtschaftlich leistungsfähige Landwirtschaft ermöglichen

Um einen echten Wettbewerb um Agrarprodukte entstehen zu lassen, sind weitreichende Überlegungen anzustellen, die eine völlige Abkehr von der seit Jahrzehnten praktizierten Vertragskonstellationen zwischen Landwirtschaft bzw. ihren Erzeugerzusammenschlüssen und der die Agrarprodukte verarbeitenden Industrie bedeuten. Auf den ersten Blick mag dieser Gedanke als realitätsfern und nicht zielführend beurteilt werden, doch wird bei tiefergehender Betrachtung deutlich, dass in einem stark veränderten, liberalen Agrarmärkten mit multinationalen Unternehmen und globalen Warenströmen die Veränderung auch vor den Agrarvermarktungsstrukturen nicht halt machen kann. Seit der Gründung der Städtischen Sammelmolkerei Oldenburg 1875 durch Carl Petersen besteht das Preisfindungssystem upside down der genossenschaftlichen Verarbeitungsunternehmen praktisch unverändert. Eine grundsätzliche Weiterentwicklung der landwirtschaftlichen Vermarktungsstrukturen ist angesichts der ständig wachsenden Herausforderungen vor allem für die tierhaltenden Betriebe längst überfällig. In einem neuen, zweistufigen Agrarmarktsystem sollten anerkannte Branchenorganisationen der Landwirtschaft eine maßgebliche Rolle einnehmen. Sie könnten mit all ihren angeschlossenen Erzeugergemeinschaften der Vertragspartner der Verarbeitungs- und Ernährungsindustrie werden, wenn es um deren Versorgung mit Rohmilch und eventuell auch mit Vorprodukten geht.

#UTP-Richtlinien Schutzwall gegen einen ruinösen Preiswettbewerb und unfaire Handelspraktiken

Das Agrarorganisationen- und Lieferkettengesetz wurde am 6. Mai 2021 verabschiedet, als nationale Umsetzung der europäischen Richtlinie zu unfairen Handelspraktiken. Die CDU/CSU Bundestagsfraktion hat in der letzten Legislaturperiode ein generelles Verbot von unfairen Handelspraktiken wieder strikt abgelehnt. Jedoch hätte eine solche Generalklausel der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) als Durchsetzungsbehörde die notwendige Flexibilität gegeben, um gegen noch nicht im Gesetz beschriebene unfaire Handelspraktiken vorzugehen. Diese Flexibilität ist im Kartellrecht und im Gesetz gegen unlauteren Wettbewerb die Regel – nicht die Ausnahme.

Unsere konkreten Erwartungen:

  •  Die Einführung eines Verbotes des Einkaufs unterhalb der Produktionskosten als Schutzwall gegen einen ruinösen Preiswettbewerb im Kampf David gegen Goliath – also von Landwirten und Genossenschaften gegen die großen Lebensmitteleinzelhändler. Hierfür braucht es ein Verbot des Einkaufs unter Produktionskosten entlang der gesamten Wertschöpfungskette, so wie unser EU-Partner Spanien dies bereits im Februar 2020 beschlossen hat.
  •  Die zügige Einrichtung einer Ombuds- und Preisbeobachtungsstelle, die sowohl personell wie auch finanziell ambitioniert ausgestattet wird und sowohl organisatorisch wie rechtlich bei einer bestehenden Behörde anzusiedeln ist.
  • Ein Verbot aller unlauteren Handelspraktiken auch jenen der grauen Liste der EU Richtlinie 2019/633. Die Schwärzung auch der grauen Liste wurde bei der Anhörung im Bundestag mehrheitlich von den anwesenden Sachverständigen gefordert – mit Ausnahme des HDE (Handelsverband Deutschland). Eine Generalklausel nach Vorbild des UWG (Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb) und des GWB (Gesetz gegen Wettbewerbsbeschränkung) wurde nicht nur vom Bundesrat unterstützt, sondern würde der BLE die nötige Flexibilität geben, um auch und gerade gegen noch nicht beschriebene unfaire Handelspraktiken vorzugehen.

Inwieweit das neue Gesetz mehr Fairness im Lebensmittelhandel bringen wird ist fraglich, es ist auch nicht geeignet, unmittelbar die Verhandlungsmacht der Landwirte gegenüber den Abnehmern, Verarbeitern und Händlern zu stärken. Unfaires Verhalten ist nicht die Ursache des wirtschaftlichen Marktungleichgewichte sondern die Folge dieses strukturellen Ungleichgewichtes. Die Zeit wäre also reif eine rechtliche Grundlage für Entflechtung im deutschen und europäischen Kartellrecht zu schaffen. Die Verkaufspreise im Supermarkt müssen sowohl existenzsichernde Preise wie auch Löhne erlauben.

Hinweisen möchten wir ferner auf das Bündnis aus mehr als 50 Organisationen „Für mehr Fairness im Lebensmittelhandel“.

#Bodenmarkt Bäuerinnen & Bauern vor Investoren – Bodenmarkt reformieren

Der Erhalt möglichst vieler und vielfältiger landwirtschaftlicher Betriebe ist ein Wert an sich und eine breite Streuung von Grund und Boden notwendig. Trotzdem wird landwirtschaftlicher Grund und Boden zusehends zum Spekulationsobjekt außerlandwirtschaftlicher Investoren und die Land- konzentration nimmt stetig zu. Dies führt auch zu immer weiter steigenden Kauf- und Pachtprei- sen, die vielfach aus der landwirtschaftlichen Urproduktion nicht mehr erwirtschaftet werden kön- nen. Diese Entwicklung muss von der kommenden Bundesregierung beendet werden.

Unsere konkreten Erwartungen:

Die Umgehung der Grunderwerbssteuer bei Anteilskäufen ist abzuschaffen, indem eine Besteue- rung in Höhe der erworbenen Anteile eingeführt wird. Anteilskäufe sind grundsätzlich zu erfassen und einem Genehmigungsverfahren im Sinne des Gemeinwohls zu unterziehen. Bäuerlichen Be- trieben ist ein Vorkaufsrecht zu fairen Preisen einzuräumen.

  • Eine umgehende Reform des Landpacht- und Grundstücksverkehrsgesetzes. Das Verfahren zur Anzeigepflicht für Landpachtverträgen muss rechtssicher und transparent umgesetzt und bei Umgehung sanktioniert werden. Im Grundstücksverkehrsgesetz ist ein Drittschutzrecht aufzunehmen, für unterlegene Kaufinteressenten, wie z.B. der bisherige Pächter, der die landwirtschaftliche Nutzung fortführen will. Diesem muss zukünftig der Rechtsweg gegen eine solche Entscheidung möglich sein.

#Gentechnik

Gentechnikfreie Landwirtschaft, Vorsorgeprinzip & Wahlfreiheit sichern Unsere konkreten Erwartungen:

  •  Die gentechnikfreie konventionelle und ökologische Saatgut- und Lebensmittelerzeugung ist zu sichern.
  • Das in der EU geltende Vorsorgeprinzip und die Wahlfreiheit für eine gentechnikfreie kon- ventionelle und biologische Landwirtschaft sind konsequent anzuwenden. Alte und neue Gentechnikverfahren (wie CRISPR/Cas) müssen gemäß dem EuGH-Urteil vom 25. Juli 2018 strikt nach dem EU-Gentechnikrecht reguliert werden. Das heißt sie müssen einer umfas- senden Risikoprüfung und -bewertung, einem Zulassungsverfahren, der Rückverfolgbarkeit und Kennzeichnungspflicht, der Transparenz (Standortregister), Haftung und Monitoring unterliegen. Das Verursacherprinzip ist vollumfänglich umzusetzen. Für nicht zugelassene Gentechnik-Produkte in Lebensmitteln sowie im Saatgut gilt Nulltoleranz.
  • Die Erteilung von Patenten auf Pflanzen, Saatgut und Nutztiere vom Europäischen Patentamt ist umgehend zu stoppen. Derartige Patente sind ein Missbrauch des Patentrechtes und gefährden den Zugang zu genetischen Ressourcen, die grundlegend sind für eine vielfältige Züchtung und Lebensmittelerzeugung.
  • Die Bundesregierung muss das Patentierungsverbot von „im Wesentlichen biologische Verfahren“ und deren Produkten durchsetzen. Die Reichweite von Patenten ist auf die Technik zu begrenzen. Die Schlupflöcher im Patentrecht sind zu schließen. Solange es keine rechtliche Sicherheit gibt, muss sich die Bundesregierung für ein Moratorium für weitere Patenterteilungen im Bereich der Züchtung von Pflanzen und Tieren einsetzen.

#Herkunftskennzeichnung Herkunft kenntlich und Produkte vergleichbar machen

Ziel einer zukünftig verbesserten Herkunftskennzeichnung von Lebensmitteln soll es sein, Verbraucher in die Lage zu versetzen, verständlich und wenig zeitraubend, wichtige Informationen über das jeweilige Lebensmittel zu erhalten. Dabei soll die Herkunft jeder landwirtschaftlich erzeugten Zutat im Lebensmittel für den Verbraucher möglichst auf den ersten Blick erkennbar sein. Im Laufe der Jahre wurde von Verbraucherseite immer deutlicher geäußert, dass neben der im Produkt nachweisbaren Qualität, ebenso die Enstehungs- also Prozess-Qualität des Lebensmittels, von besonderer Bedeutung ist. Dieser Forderung wird durch eine klare Herkunfts- kennzeichnung Rechnung getragen. Denn durch die Zuordnungsmöglichkeit Lebensmittel/Her- kunftsland, können Verbraucher ihr Wissen über die Sozial-, Umwelt- und Tierhaltungsstandards des jeweiligen Herkunftslandes anwenden, sich beim Einkauf daran orientieren und schließlich entscheiden, ob diese Standards den persönlichen Ansprüchen genügen.

Unsere konkreten Erwartungen:

  • Grundsätzlich muss Ziel eines jeden Handelsabkommens sein, dass alle importierten Waren zu hiesig vergleichbaren Sozial-, Umwelt- und Tierschutzkriterien produziert wurden.
  • Unser Anspruch ist es, ein neutral über alle Handelshäuser entwickeltes Feld im ersten Sichtfeld zu platzieren, in dem die drei mengenmäßig größten und zwei wertgebende Bestandteile aufgeführt werden. Bei weiteren landwirtschaftlichen Zutaten muss der Verbraucher die Möglichkeit haben, über QR-Code o.ä. einfach an diese Informationen zu gelangen.

Bei lückenlos in Deutschland entstandenem landwirtschaftlichen Produkt (inkl. Verarbeitung bis in die Verpackung) kann dieses zusätzlich mit einer „x Mal D Flagge“ hervorgeho- ben werden.

Von politischer Seite wird öffentlich wirksam vom Verbraucher gefordert, bewusst – also positiv wirkungsorientiert – einzukaufen. Wir möchten also eine Transparenz über die tatsächlichen Herkünfte der landwirtschaftlichen Produkte in den Lebensmitteln schaf- fen, um so wirkungsorientierte Entscheidungen des Verbrauchers zu ermöglichen.

page12image15487872 page12image15492032 page12image15490992 page12image15491824 page12image15495776 page12image15493280